The XX Night+Day x Plänterwald Berlin

Zu Beginn des Jahres 2013 machten sie es endlich Publik: The XX kündigten eine eigene kleine Festivalreihe mit drei Tourstop’s in London, Lissabon und Berlin an. Hierzu werden befreundete DJ’s und Musiker eingeladen, welche von einem Nachmittag an beginnend allmählich in die Nacht begleiten und das Tagesfestival abrunden – Night+Day war geboren. Die Resonanz war großartig und Berlin als erste Stadt in dieser Festivaltriologie maßlos ausverkauft. Ziemlich schnell kam die Frage auf: Woher bekomme ich noch ein Ticket für die von The XX geheadlinerte Show in der malerischen Kulisse des längst verlassenen Freizeitparks im Berliner Plänterwald?

Wir waren zu Gast und nahmen die so glänzende Veranstaltung mal mit Besucheraugen unter die Lupe, die, das möge man zu Beginn sagen, insgesamt großartig war, aber sicherlich in vielen Punkten auch Ernüchterung mit sich brachte. Immerhin zahlte der Besucher für diesen „Tag“ 50 Euro oder gerne auch mehr am florierenden Second-Hand-Markt.

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15 Uhr.  Wir stehen vor dem Plänterwald: Mit Gummistiefel und Regenschirm bewaffnete Cape-Träger stapfen an uns vorbei, um zur Show von The XX zu gelangen. Über den Zaun ragt ein Dinokopf, ein Ohr ist bereits abgeschnitten, auf seinem Rücken die Farbreste eines längst verblassten Graffitis. Während wir unser Bier leerten, tropft der Regen durch die dichte Laubdecke und durchdrängt jegliche Kleidung allmählich. Unterdessen ertönt im Hintergrund Kindness mit „House“, hin und wieder wird er von Kartenverkäufern übertönt, welche glauben das Geschäft ihres Lebens zu machen und nach Marktschreier-Manier ihre Karten auch den Mann bringen wollten. 180 Euro für zwei Karten, die sie an diesem Tag nicht verkaufen werden, da es plötzlich Abendkassekarten für 70 Euro zu erstehen gibt. Dachten wir nicht alle das Konzert wäre ausverkauft? Unser Gefühl für das uns bevorstehende bewegt sich irgendwo zwischen Vorfreude und einem mulmigen Gefühl. 10000 verkaufte Karten plus Abendkasse – kann das gut gehen?

Wie dem auch sei. Wir pressten uns durch die Menschenmassen, die sich bereits auf dem Gelände befanden, bewegten uns schnell zur Mainstage, auf welcher die Post-Dubstep-Pioniere von Mount Kimbie bereits ihr Equipment aufbauten. Noch 15 Minuten bis zur Show - eine gute Zeit, um sich einen letzten Drink zu holen, war der Platz vor der Mainstage doch noch recht sporadisch gefüllt.

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Obwohl sich kaum 30 durstige Münder vor der Bar versammelten, dauert es ungelogen gute 20 Minuten bevor wir unseren Drink bekamen – das Barpersonal wirkt zu diesem Zeitpunkt schon wenig entspannt und behandelt auch seine Kunden entsprechend rough. Warum jetzt die Laune verderben lassen? Wir arbeiteten uns wieder in die zweite Reihe vor, dicht belagert von einer Gruppe Mädchen, welche hier anscheinend schon Plätze für das The XX Konzert später am Abend sichern wollten. Sie machten nicht nur das Tanzen unmöglich da sie am Boden saßen, nein, sie übertönten mit ihrem Gesprächen sogar Mount Kimbie, die an diesem Tag leider auch viel zu leise spielten. So wurde aus der nächsten Stunde eine Doppelbeschallung von Mount Kimbie einerseits und den Shades-of-Grey-Gesprächen der Mädchen andererseits. Immerhin, nach einem harten Satz verstummt das Groupietum und ermöglicht uns doch noch in den Genuss neuer Tracks von Kai und Dom zu kommen. Großartig.

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Nachdem ich für meinen Teil vollends zufrieden den Platz vor der Main-Stage verließ, gingen wir auf Erkundungstour. Vorbei an alten Wildwasserbahnen, umgekippten Dinos und verwucherten Schwänen im Dickicht, erreichten wir die Bühne auf der die DJ’s spielen sollten. Hier waren auch die Menschen, die man oben vermisste. Nic, welchen ich bereits vom Londoner Boiler Room kannte, spielte gerade, die Sonne brach durch die Wolken, das verlassene Riesenrad hinter den Bäumen drehte sich im Nebel des aufsteigenden Dunstes und dumpfe Bässe kriechen durch das Mark. Ein mystischer, perfekter Moment möge man meinen, doch dürfen all die Besucher nicht vergessen werden, welche es aufgrund des Platzmangels nicht auf das Gelände hier geschafft haben und von den abermals gestressten Security’s abgewiesen wurden.

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Wir hatten uns einen Platz in der ersten Reihe erkämpft und genossen ein wunderschönes Set von Nic, Jamie XX und schließlich Dixon. Leider gab es bei all dem Gedränge hier keine Chance diesen Floor überhaupt zu verlassen und so wurden großartige uns sehenswerte Acts wie Chromatics oder Jessie Ware einfach verpasst. Bei einem solch deftigen Eintrittspreis sollte es doch jedem ermöglicht sein auch alle Acts zu hören. Stattdessen wurden an der Abendkasse weiterhin Tickets verkauft und das Gelände bis zur Kapazitätsgrenze belastet.

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Schließlich schafften wir es doch noch den Floor zu verlassen, pünktlich genug um die Headliner des Tages zu hören. Getränke waren zu diesem Zeitpunkt an fast jeder erreichbaren Bar ohnehin ausverkauft, also versuchten wir so durchzuhalten.

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Kurz nach 21.00 Uhr: 10000 Besucher versammelten sich nun vor der einzigartigen Kulisse der Mainstage. Keine zwei Minuten später verdunkeln sich schon die Scheinwerfer, das Publikum schreit auf und Jamie, Romy und Oliver betraten die Bühne. Was folgte war eine viel zu kurze Stunde The XX live, ein brachiales Soundgewitter welches merklich von Jamie als Producer der Band getrieben wurde und statt der üblichen Track-Break-Track-Kombi durch ihn in eine Art Set verwandelt wurde. Jamie, der sonst eigentlich eher im Hintergrund der Band agierte, bekam nun endlich die Aufmerksamkeit, die er verdiente und so fügte er auch Stücke ein, welche er ohne zutun von Romy und Oliver produzierte, mit ihrer Unterstützung aber für die Bühne umsetzte. Das Set erreichte seinen Höhepunkt, als plötzlich Jessie Ware die Bühne erneut betrat und zusammen mit The XX ein Cover vom berühmten Track „Music Sounds Better With You“ von Stardust performte. Als der letzte Track allmählich verhallte, verließ das Publikum den Plänterwald schlagartig. Wir gönnten uns noch ein paar Drinks, ließen den Tag Revue passieren und beobachten die Bühnentechniker beim Abbau der Mainstage in stockdunkler Nacht.

Schön war es, das Event. Trotz einiger Mängel bei der Organisation und nach einem viel zu abrupten und plötzlichen Ende bemerkenswert, was vor allem den großartigen Musikern an diesem Tag geschuldet war.